Lange vor Ostern, wenn das alte Laub noch wie ein schützender Teppich auf der Erde liegt, beginnt die Brennnessel sich zu zeigen. Zwischen Braun und Grau leuchten erste kleine, frische grüne Nester auf. Es sind die jungen Triebe, die sich dicht gedrängt aus dem Boden schieben. Schon jetzt, obwohl die Pflanze noch so zart wirkt, sind die feinen Brennhaare da. Wenn du genau hinschaust, kannst du sie auf den kleinen Blättern und entlang der jungen Stängel erkennen, wie einen feinen, fast gläsernen Flaum. 
 
Diese Brennhaare sind kleine, hochspezialisierte Strukturen. Jedes Haar besteht aus einer länglichen Zelle mit einer kieselsäurehaltigen Spitze. Bei Berührung bricht diese Spitze wie eine winzige Glasnadel ab, dringt wie eine feine Injektionskanüle die in die Haut ein und gibt eine Mischung aus Stoffen wie Histamin und Ameisensäure in die Haut ab. Über das Jahr hinweg bleiben diese Haare ein ständiger Begleiter der
Pflanze. Mal feiner, mal kräftiger ausgeprägt, je nach Wachstumsphase.   

Mit dem Fortschreiten des Frühlings verändert sich die Gestalt der Brennnessel deutlich. Aus den niedrigen Nestern werden aufrechte Pflanzen mit klar strukturierter Form. Ein vierkantiger Stängel, gegenständig angeordnete, gezackte Blätter und eine kraftvolle, aufstrebende Wuchsbewegung. Sie wirkt jetzt weniger verborgen, sondern
richtet sich sichtbar in den Raum als eine Pflanze, die ihren Platz einnimmt. 

Im späten Frühling und frühen Sommer beginnt die Phase der Blütenbildung. Jetzt zeigt sich auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern besonders deutlich. Die männlichen Pflanzen entwickeln lockere, fast schwebend wirkende Blütenstände. Wenn der Wind durch einen Brennnessel-Horst streicht, lösen sich feine gelbliche Pollenwolken und erscheinen als zarter Schleier in der Luft. Die weiblichen Pflanzen hingegen wirken kompakter, ihre Blütenstände sind dichter und schwerer. Hier wird bereits die spätere Samenbildung vorbereitet.

 

männl. Blüte.

Männl. Blüte. 

Weibl Blüte.

Weibl Blüte.

Brennessel Samen

Brennessel Samen

 

Im Hochsommer verändert sich der Eindruck im Brennnesselbeet. Die Pflanzen tragen nun die Last ihrer Blüten und später der Samen. Die zuvor aufrechte, fast gespannte Haltung wird weicher. Die Spitzen neigen sich leicht, die Blüten- und Samenstände hängen in Bögen herab. Alles wirkt jetzt dichter, ruhiger, fast satt, als würde sich die Energie nach innen wenden.  

Wenn die Samen ausreifen, nehmen sie eine bräunliche Färbung an und geben der Pflanzengruppe einen wärmeren, erdigeren Ton. Jetzt ist der Höhepunkt überschritten. Die Pflanze beginnt, sich langsam zurückzuziehen. Blätter verlieren an Frische, Stängel werden faseriger, die Spannkraft lässt nach.  

Am Ende der Vegetationszeit bleiben trockene Stängel und Samenstände zurück. Wie fragile Gerüste, die vom vergangenen Wachstum erzählen. Was im März als zartes grünes Nest begann, endet nun als Teil des Kreislaufs. Die Brennnessel zieht sich zurück, doch sie verschwindet nicht. Sie bleibt im Boden, im Samen, in der Erinnerung an ihr vielgestaltiges Erscheinen über das Jahr hinweg.