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Natur. Bewusst. Machen. #6

Natur. Bewusst. Machen. #6

+Steckbrief Nelkenwurz  +Spurensuche +Heilsames +DIY  +Inspiration
+Hortus officinarum


‍Liebe Pflanzenfreundin, 
lieber Pflanzenfreund.

Wenn du morgens das Fenster öffnest, kannst du den Herbst schon riechen. Die kühlen Nächte verändern den Duft von Erde und Pflanzen, und im Garten beginnen die ersten Herbstastern langsam ihre Blüten zu zeigen.


Draußen auf den Wiesen finden wir noch blühende Pflanzen und gleichzeitig begegnen uns immer häufiger ihre reifenden Fruchtstände und Samen. Besonders eindrücklich lässt sich dieser Wandel beim Johanniskraut beobachten. Geh doch einmal zu deinem Fleckchen Erde, an dem du es entdeckt hast, und schau genau hin: Was hat sich seit dem Sommer verändert?


Diesen Newsletter möchte ich der Nelkenwurz widmen. Ich habe sie in diesem Jahr aufmerksam durch die Jahreszeiten begleitet und in den Beeten meines Naturgartens stehen lassen. 


Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen, Entdecken und Staunen über diese unscheinbare, aber bemerkenswerte Pflanze.

‍Herzlichst,

deine Draußen-Apothekerin

‍ ©B.Emde 


‍Heilpflanze des Monats

Nelkenwurz

Geum urbanum 


Nelkenwurz

© iStock by Getty Images

‍Familie

Rosengewächse (Rosaceae)


‍Vorkommen

  • ›  halbschattige, nährstoffreiche Standorte
  • ›  an Waldrändern, in Hecken, an Wegrändern, in Gebüschen und Gärten
  • ›  häufig in der Nähe menschlicher Siedlungen

‍Aussehen

  • › 30–60 cm hoch
  • › grundständige, gefiederte Blattrosette 
  • › aufrechter, verzweigter Stängel
  • › kleine, fünfzählige gelbe Blüten 
  • › nach der Blüte auffällige kugelige Fruchtstände mit hakigen Griffeln

‍Sammelzeit

Frühjahr: Blätter, besonders jung und zart; Mai–August: Blüten; Herbst oder zeitiges Frühjahr: Wurzel 

‍Inhaltsstoffe

Vor allem Gerbstoffe, außerdem Phenolsäuren, Flavonoide und ätherisches Öl. Charakteristisch ist Gein, eine Vorstufe des Eugenols.


‍Anwendungsgebiete

Traditionell wird sie aufgrund des Gerbstoffgehalts als zusammenziehendes Mittel verwendet, insbesondere für Mund- und Rachenraum sowie bei leichten Durchfallerkrankungen.


Kleiner Sinneseindruck

Die frisch ausgegrabene und angeschnittene Wurzel überrascht mit ihrem deutlichen Duft nach Gewürznelken – hier wird das enthaltene Eugenol unmittelbar mit der Nase erfahrbar.


Spurensuche Nelkenwurz

Spurensuche Nelkenwurz

Von der Blattrosette zur Duftwurzel

 

Im zeitigen Frühjahr schiebt die Nelkenwurz ihre ersten Blätter aus dem Boden. Sie erscheinen zunächst als dichte Blattrosette dicht über der Erde. Schaut man genauer hin, wirken die Blätter fast wie kleine Federn. Entlang eines gemeinsamen Blattstiels sitzen mehrere unterschiedlich große Teilblättchen. Das größte steht ganz am Ende, die kleineren werden nach unten hin immer zierlicher. 


Mit dem weiteren Wachstum verändert sich die Pflanze. Aus der Rosette erhebt sich ein schlanker, aufrechter Stängel, der sich zunehmend verzweigt. Nun sitzen die Blätter nicht mehr nur am Boden, sondern begleiten den Stängel auf seinem Weg nach oben. So entsteht nach und nach die lockere, leicht auseinanderstrebende Gestalt der ausgewachsenen Nelkenwurz.


Von Mai bis August erscheinen die kleinen, leuchtend gelben Blüten. Fünf Kronblätter öffnen sich schalenförmig und geben zahlreiche Staubblätter und die vielen Fruchtblätter in der Blütenmitte frei. Die Blüten werden vor allem von Insekten wie Bienen, Schwebfliegen und kleinen Käfern besucht. Sie tragen so zur Bestäubung bei.


Nach der Befruchtung beginnt die Blüte sich völlig zu verändern. Aus den einzelnen Fruchtblättern entwickeln sich zahlreiche kleine Nüsschen, die gemeinsam einen kugeligen Fruchtstand bilden. Die zunächst grünen Fruchtstände werden zunehmend rötlich bis bräunlich. An jedem Nüsschen sitzt ein langer, hakiger Griffel – ein kleiner Widerhaken, mit dem sich die Früchte an vorbeistreifenden Tieren oder Kleidung anheften und verbreiten können.

‍  © B.Emde 

Und während oben die Samen ausreifen, liegt unter der Erde der eigentliche Überdauerungskörper der Pflanze: ein kurzes, kräftiges Rhizom mit zahlreichen feinen Wurzeln. Es ist außen bräunlich und innen hell und verströmt beim Zerreiben einen besonderen Duft, der an die Gewürznelke erinnert.


Für die traditionelle Verwendung wird die Wurzel im Herbst, wenn sich die oberirdischen Pflanzenteile zurückziehen, oder im zeitigen Frühjahr vor dem neuen Austrieb ausgegraben. Dann steckt die Kraft der Pflanze gewissermaßen wieder dort, wo sie das ganze Jahr über verborgen war: im Boden.


Die Nelkenwurz zeigt uns damit einen bemerkenswerten Jahreslauf: gefiederte Blätter – gelbe Blüte – kugeliger Fruchtstand – zurückgezogene Wurzel. Was sich im Laufe des Sommers sichtbar verändert, wird im Herbst wieder zur verborgenen Geschichte unter der Erde.

Zitat: Die Vegetation  zieht sich in die Wurzeln zurück.

© iStock by Getty Images

Heilsames

Nelkenwurz – 
Wildkraut mit verborgenem Duft

Die Nelkenwurz kann mehr, als ihr unscheinbares Äußeres vermuten lässt. Im Frühjahr lassen sich die jungen, zarten Blätter als Wildgemüse verwenden. Sie schmecken leicht würzig und zugleich etwas herb und zusammenziehend. Fein geschnitten passen sie in Salate, Kräuterquark oder Suppen. Auch die noch geschlossenen Blütenknospen und die später geöffneten gelben Blüten sind essbar und setzen kleine Farbtupfer auf den Teller.


Doch das eigentliche Geheimnis der Pflanze liegt unter der Erde. Im Herbst, wenn sich die oberirdischen Pflanzenteile zurückziehen, kann man die Nelkenwurzel ausgraben. Der kurze, kräftige Wurzelstock ist reich an Gerbstoffen, außerdem finden sich Phenolsäuren, Flavonoide und ein wenig ätherisches Öl. Gerade die Gerbstoffe erklären die traditionelle Verwendung der Wurzel als zusammenziehendes Mittel, beispielsweise bei leichten Durchfallerkrankungen sowie bei Entzündungen des Mund- und Rachenraums. 

 

Ein Duft, der überrascht

Wer die Wurzel frisch aus der Erde zieht und mit dem Messer anschneidet oder zwischen den Fingern zerreibt, erlebt einen besonderen Sinneseindruck: Plötzlich steigt ein deutlicher Duft nach Gewürznelken auf. Verantwortlich dafür ist vor allem Eugenol. Es entsteht aus der in der Wurzel enthaltenen Vorstufe Gein und ist ein charakteristischer Bestandteil des ätherischen Öls. Untersuchungen des Wurzelöls von Geum urbanum fanden Eugenol sogar als Hauptbestandteil des ätherischen Öls.


So wird beim Ausgraben etwas Unsichtbares unmittelbar erfahrbar: Die Pflanze, die eben noch nach feuchter Erde roch, öffnet plötzlich ein kleines Fenster zum Duft der Gewürznelke.

 © Unsplash, B.Emde

‍Eine Rose in der Tiefe

Die Rose, die Königin der Rosengewächse, schenkt uns ihr kostbares ätherisches Öl aus der Blüte – sichtbar, prachtvoll und betörend duftend.


Die unscheinbare Nelkenwurz gehört derselben Pflanzenfamilie an, erinnert in ihrer bescheidenen Gestalt aber kaum an eine Rose und wird nicht selten als „Unkraut“ übersehen.


Und doch begegnet uns hier ein ähnliches Duftphänomen: Was bei der Rose in der Blüte aufsteigt, zieht sich bei der Nelkenwurz in die Erde zurück – ihr würziger Nelkenduft sitzt vor allem in der Wurzel. Unterschiedlicher kann eine Pflanzenfamilie ihre Wesenskräfte nicht gestalten.

‍Do it yourself – Nelkenwurz richtig trocknen

Von der Wurzel zum Vorrat

01– Die frisch ausgegrabenen Wurzeln gründlich von Erde befreien und kurz mit kaltem Wasser abspülen. Anschließend gut abtrocknen. Dickere Wurzelstücke der Länge nach aufschneiden oder in kleine Stücke schneiden – dabei kommt der typische Nelkenduft besonders schön zur Geltung.


02 – Die Stücke locker auf einem Tuch oder Gitter ausbreiten und an einem warmen, trockenen und gut belüfteten Ort trocknen lassen. Nicht in der prallen Sonne. Wer es schneller machen möchte, kann die Wurzel bei etwa 35–40 °C im Dörrgerät oder Backofen mit leicht geöffneter Tür trocknen.


03 – Die Wurzel ist fertig, wenn sie vollständig trocken und hart ist und beim Brechen deutlich knackt. Anschließend luftdicht, trocken und dunkel in einem Glas aufbewahren. 

‍Do it yourself – Nelkenwurz abkochen

Dekokt herstellen

1–2 Teelöffel getrocknete, klein geschnittene Nelkenwurzel, 250 ml kaltes Wasser 

 

So geht’s:

Die Wurzel mit dem kalten Wasser ansetzen, langsam zum Kochen bringen und etwa 10 Minuten sanft köcheln lassen. Anschließend abseihen und frisch verwenden. Traditionell wurde die Zubereitung vor allem zum Spülen und Gurgeln im Mund- und Rachenraum zur Behandlung von Entzündungen der Schleimhaut und Zahnfleisch eingesetzt.

‍Do it yourself – Nelkenwurz-Tee 

Anwendung als Teeaufguss

1–2 TL getrocknete, klein geschnittene Wurzel, 250 ml siedendes Wasser

 

So geht’s:

Die Wurzel mit siedendem Wasser übergießen, nach 10 Minuten abseihen. Bei leichten Durchfallerkrankungen mehrmals täglich eine Tasse lauwarm trinken.

‍Alle Do-it-yourself-Projekte findest du in meinen Highlights auf Instagram: 

https://www.instagram.com/diedraussenapotheke/

‍Persönliche Inspiration

Die Zukunft bewahren

Eine andere Zeit des Sammelns beginnt. Nicht mehr die Blüten stehen im Mittelpunkt, sondern die Samen. An ihnen hängt die Zukunft der Pflanze. Jetzt lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen: Die kugeligen Samenstände der wilden Möhre, die Kapseln des Johanniskrauts, die dunklen Samen der Malve oder die gebogenen Samen der Ringelblume. Jede Pflanze hat ihre eigene Art, ihre Nachkommen auf den Weg zu schicken.


Wer Samen für den eigenen Garten sammelt, kann ein kleines Stück dieser Zukunft bewahren. Am besten wartet man, bis die Samen vollständig ausgereift und trocken sind. Einen trockenen Herbsttag auswählen, die Samenstände abschneiden und die Samen vorsichtig herauslösen. In beschrifteten Papiertüten dürfen sie noch einige Tage nachtrocknen. Anschließend trocken, dunkel und kühl aufbewahren.


Und vielleicht gehört zum Samensammeln auch ein wenig Zurückhaltung: Nicht alles abernten, sondern immer einen Teil für die Pflanze und ihre tierischen Besucher zurücklassen. Denn Samen sind nicht nur der Anfang des nächsten Pflanzenjahres – sie sind Nahrung für Vögel und andere Tiere und Teil eines ganzen Lebenskreislaufs.

© Pexels

‍Persönliche Empfehlung

Hortus officinarum

Was wäre eine Heilpflanze ohne ihr Saatgut? In jedem kleinen Samenkorn steckt nicht nur die Möglichkeit für eine neue Pflanze, sondern auch ein Stück ihrer Herkunft und Vielfalt.

Hortus officinarum setzt sich dafür ein, wertvolle und selten gewordene Herkünfte von Heilpflanzen zu erhalten und hochwertiges, samenfestes Saatgut für den ökologischen Anbau weiterzuentwickeln. Dazu werden auch Wildpflanzen über mehrere Jahre in Kultur genommen und sorgfältig begleitet. So bleibt nicht nur Saatgut erhalten, sondern auch Wissen darüber, wie Heilpflanzen angebaut, vermehrt und gepflegt werden können.

Gerade bei Heilpflanzen ist diese Arbeit bedeutsam: Ihre Vielfalt und ihre besonderen Eigenschaften sollen nicht allein durch wenige, auf Ertrag oder einzelne Inhaltsstoffe ausgerichtete Sorten ersetzt werden. Samenfeste Herkünfte können sich außerdem über Generationen weitervermehren und bleiben damit lebendiger Teil unserer Garten- und Heilpflanzenkultur.

Wer selbst Samen sammelt und im eigenen Garten weitervermehrt, kann auf ganz persönliche Weise dazu beitragen, diese Vielfalt lebendig zu halten.


‍Mehr über die Arbeit und die Erhaltung von Heilpflanzensaatgut: 

https://www.hortus-officinarum.org/de

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‍ Warnhinweis

Die Inhalte dieses Newsletters dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische Beratung. Es werden keine Heilversprechen gegeben. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Fragen wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine andere qualifizierte medizinische Fachperson.

‍Ein Projekt von GESUNDHEIT AKTIV e.V.


Telefon: 030.695 68 72-0

Telefax: 030.695 68 72-29

E-Mail: verein@gesundheit-aktiv.de


Geschäftsführender Vorstand:

Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke MBA

USt-IdNr. DE144366563

Amtsgericht Charlottenburg VR 31743


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